Strömendes Theater

Aus den Briefen einer Freundin  von Regula Rickert

Es waren Jahre der Fülle gewesen.... Sie hatte geglaubt endlich Menschen gefunden zu haben, denen Sie vertrauen könnte. Und er hatte sie begleitet auf ihrem Weg, hatte ihr Vertrauen gewonnen und sie hatte ihm deshalb zu Füßen gelegen, hatte ihn verehrt und zu ihrem Ideal gemacht. Er, Psychologe, war ihr Lehrtherapeut gewesen, 4 Jahre lang, 4 Jahre zitternden Vertrauenkönnens, 4 Jahre wirklich guter Ausbildung. Sie hatte so etwas nie erfahren: Diese Hingabe an das Lebendige in ihr, diese grundlegende Akzeptanz ihres Daseins und ihrer Not. Sie hatte sich frei gefühlt mit ihm und geschützt vor den Anderen, wenn sie über sie herfielen, weil sie nie gelernt hatte sich zu wehren.

Einmal im Sommer waren sie über sie hergefallen, alle, auch ihre Schwester, die niemals ein gutes Haar an ihr gelassen hatte. Da hatte er, als niemand mehr genug Dreck hatte, um ihn über ihr auszuschütten, ganz leise gesagt: „Mir geht es gut mit ihr.“ Ganz leise, ohne Anspruch, und niemand hat noch etwas gesagt. Dieses wenige war der Himmel gewesen, weil sie jetzt wusste, dass es auch anders sein könnte, dass es vielleicht eine Chance gab für sie da zu sein ohne getreten zu werden. Das allein schon war genug, dass es eine Chance geben könnte. Da war so etwas wie Hoffnung.
Zuvor hatte sie nur geweint, nächtelang ohne zu schlafen, und hatte sich den Kopf gehalten. Der drohte zu platzen vor Angst und Bedrohung. Es war so normal gewesen, dass die anderen sie ablehnten, dass sie sicher war, dass etwas an ihr sei, was sehr schlimm sei, dass alle recht hätten, wenn sie sie verfolgten. Sie duckte sich ständig. Und sie fiel regelmäßig in einen Abgrund der Verzweiflung und Todesangst, wenn diese Wellen über ihr zusammenbrachen.

Einmal war es so schlimm gewesen, dass sie beinahe verrückt geworden wäre. Sie hatte diese Rolle übernommen in einem Schauspiel, war diese Verrückte geworden, die niemand mochte und die sich selbst deshalb am Ende des Stückes in die Luft sprengt. Während der Proben verschwand die Grenze zwischen den Wirklichkeiten. Die anderen waren wütend auf sie und wollten sie schlagen. Aber niemand schien das schlimm zu finden. Für die anderen waren es nur Gefühle. Sie wollte aussteigen aus dem Stück, aber er sorgte dafür, dass sie geachtet und gesehen wurde mit ihrer Not. Also spielte sie doch.
Sie konnte kaum den Raum betreten ohne Panik zu bekommen, und die Bäume stürzten über ihr zusammen, wenn sie zwischen den Häusern ging. Aber sie wollte ihn nicht enttäuschen. So verkroch sie sich unter ihrer Bettdecke in den Pausen, um dort einigermaßen sicher zu sein. So ist es, wenn man verrückt ist, dachte sie. Der Gang zum Klo wurde zum Alptraum. Aber sie spielte, und sie spielte gut, sehr gut, denn die Rolle und sie waren eins.

Warum verband sie sich nur so vollständig mit allem, was sie tat? Warum konnte sie nicht unterscheiden zwischen dem, was gut für sie war und dem Schlechten? Warum lieferte sie sich so aus?
Ja, die Ausbildung war gut gewesen. Alles, was sie bisher gelernt hatte, war dadurch zusammengekommen, wie Splitter, die sich endlich zu einem Ganzen fügen. Und sie hatte jahrelang Splitter gesammelt. Jetzt konnte sie Therapeutin sein.

Auch in der Arbeit hatte sie Angst, panische Angst, es richtig zu machen, ihrer Aufgabe zu genügen, denn das wollte sie so gerne. Mir der Zeit lernte sie, dass sie Leuten wirklich helfen konnte. Und das machte sie unendlich glücklich. Sie entwickelte ihre eigene Vorgehensweise, ergänzte ihre Arbeit mit neuen Ideen und fühlte eine unerschöpfliche Kreativität, auf die sie sich verlassen konnte, wenn es mal wieder keine Lösung zu geben schien. In ihrer therapeutischen Arbeit entwickelte sie unglaublichen Mut dem Prozess zu folgen, wohin er auch führte. Gleichzeitig sorgte sie für ihren eigenen Entwicklungsweg in der Supervision. Denn immer wieder war sie so unendlich einsam. Und früher hatte sie nicht die Zeit und das Geld dazu gehabt etwas für sich zu tun.

Und da waren noch die Anderen, die Kollegen, mit denen sie gelernt hatte, eine Gruppe in der vieles möglich zu sein schien. Auch hier hatte sie nach längerer Zeit Vertrauen geschöpft, hatte sich eingelassen auf das Schicksal der anderen. Sie wollte gerne dazugehören zu dieser Gemeinschaft, und es schien als wollten die anderen sie akzeptieren.

Sie hatte all dies geglaubt bis zu diesem einen Tag. Sie waren alle zusammen gewesen, hatten von ihrer Arbeit berichtet und er hatte sie begleitet und die Führung übernommen. Schon mehrere Tage hatte sie versucht ihm näher zu kommen, aber je länger das Seminar ging, desto ferner war er gerückt. Sie verstand das nicht, aber als sich ihre Wege kreuzten, wichen sie einander aus. Verzweiflung begann in ihr hoch zu kriechen und an ihrem Hals zu würgen. Sie fühlte sich mutlos und wollte ihn auf keinen Fall verlieren. Er war ihr so wichtig, auch wenn er sie nicht bei den regelmäßigen Therapeutentreffen dabeihaben wollte. Auch wenn er ihre Kritik an seiner Organisation nicht verkraftet hatte – was er nicht sagte – so würde er sie doch sicher nicht ganz fallenlassen?

Am Abend fuhr sie in ihr Quartier und war völlig verzweifelt. Selbstmordfantasien wechselten mit trügerischen Hoffnungen. Sie ging in den Garten und legte das Seil der Wäscheleine um ihren Hals. Es würde nicht gehen, aber es war gut das kalte Seil an ihrem Hals zu spüren. Für den Notfall, wenn nichts mehr half. Warum sollte man leben, wenn da niemand übrig war, der einen noch schätzte oder mochte, wenn man nicht mehr dazugehören durfte.

Am nächsten Morgen war sie ganz zittrig. Sie wusste, dass sie ihn daraufhin ansprechen musste in der großen Runde, sonst würde er ihr ausweichen und sie belügen. Der Vormittag begann mit einer Session der Cotherapeutin. Sie konnte sich in der Gruppe stark öffnen und sich dem Prozess vollständig hingeben. Es gab dieses Gefühl der großen Gemeinschaft auch, wenn er unannahbar schien. In der Abschlussrunde sagte er, jeder könne jetzt aussprechen, was er nicht gerne mit nach Hause nehmen möchte und was unerledigt sei. Sie wartete mit klopfendem Herzen, denn die Stimmung der Einheit passte nicht zu ihrer Not. Und sie fühlte sich völlig fehl am Platze, wie schon längst nicht mehr dazugehörig.
Als sie zu sprechen begann klang ihre Stimme hölzern und unpassend. Sie hatte kaum einen halben Satz ausgesprochen und an ihn gerichtet, …..da brach seine Wut los. Kein Wort hatte er für sie, aber als hätte er das ganze Seminar darauf gewartet, schrie er sie an mit seinem unendlich lauten Gebrüll.

Sie verstand sofort, im Bruchteil einer Sekunde, dass er nur darauf gewartet hatte, dass er völlig enttäuscht von ihr war, dass er sie fallengelassen hatte und dass sein In-Beziehung-Sein nur seine Lehre, nicht aber sein Leben ausmachte. Er hatte sie betrogen. „Arschloch“ war alles, was sie zu ihm sagen konnte. Da schrie er wieder, so als müsste alles zerspringen, war je zwischen ihnen existiert hatte. Seine Stimme drang in ihr geöffnetes Zwerchfell und in ihren Körper, als wollte sie alles an ihr zerstören, was je ihre Existenz ausgemacht hatte. Es war merkwürdig: Während sie das Zerstörende fühlte, blieb ihr Kopf vollständig klar. Ihr liefen die Tränen an den Wangen herunter wie kleine Ströme, aber sie schaute sie alle an, diese wohl 22 Menschen, die dabei waren. Aber niemand konnte ihr in die Augen sehen, alle, ja alle wendeten sich ab. Er hatte nur seine Stimme erhoben. Sie lehnten instinktiv und sofort ab, was er ablehnte. Sie waren ihm treu, so vorbehaltlos und vollständig, wie sie ihm auch treu gewesen war.
Und schon erhob jemand seine Stimme gegen sie, entrüstet und bereit den nächsten Stein zu werfen. Hier hatte sie nichts mehr zu suchen! Sie war sofort und endgültig ausgeschlossen. Es war ein so vollständiger Rausschmiss, dass es kein Ringen und keiner Fragen mehr bedurfte. Was hier Recht war oder Unrecht, auch diese Frage stellte sich nicht mehr. Sie überlegte, ob sie jetzt den Raum verlassen sollte, aber sie blieb. Die Meisten schienen in einer Art Schock zu verharren, so wie sie selbst. Sie fühlte Schwindel und Übelkeit. Aber sie sah die anderen an. Und sie traf kein Augenpaar. Auch beide Gruppenleiter mieden ihren Blick. Wie gering! 

Sie fühlte sich völlig schwach und dem Zusammenbruch nahe. Ihr Puls ging rasend. Als die Gruppe zu Ende war ging sie wie fremd gesteuert zu ihrer Tasche und lief zur U-Bahn-Station. Sie wollte jetzt durchhalten, nur weg, zwei U-Bahn-Stationen weiter zu ihrer Freundin. Wie ein verletztes und verstörtes Tier legte sie sich auf den Diwan. Ihre Freundin deckte sie zu und brachte ihr zu trinken und ließ sie dann allein. Es war gut so. Sie brauchte dieses Alleinsein, um zurechtzukommen. Sie war um so vieles ärmer geworden in so kurzer Zeit. Und sie fühlte wie mühselig ihre Seele versuchte mit ihrem Körper in Verbindung zu bleiben. Sie berührte ihren Leib, als gehöre er ihr nicht mehr und sie dachte an den Tod und dass man so einen Menschen umbringen könnte, einfach durch ein markerschütterndes Geschrei und diesen bösen Willen dabei.
Hier war Schlimmeres passiert, als sie wahrhaben wollte. Alles schien ihr unwirklich und wie abgelöst von ihr. Und ihr Puls wollte nicht aufhören zu rasen. Es war wie bei ihrem Autounfall vor einigen Jahren. Sie stand unter einem schweren Schock. Sie nahm Notfalltropfen und trank Tee um sich zu stabilisieren.

Die Wochen danach waren schrecklich. Mühselig versuchte sie in der Gegenwart zu bleiben und nicht immer wieder dieses Erlebnis vor sich ablaufen zu lassen, welches nun einmal geschehen war. Sie konnte nicht darüber reden, mit niemandem. Überhaupt schwieg sie die meiste Zeit und zog sich innerlich zurück. Es war als sei die Zeit stehen geblieben, und die Realität durchsetzt von Ewigkeit. Niemand von den anderen meldete sich bei ihr, das hatte sie auch gar nicht erwartet. Aber es war trotzdem schlimm.
Sie ließ sich von ihrem Heilpraktiker gegen den Schock behandeln. Das machte sie immerhin wieder arbeitsfähig. Ihre Arbeit schien wie immer zu sein, sie konnte ihre Gruppen leiten und ihre Therapiestunden geben und gleichzeitig mit einem Teil von sich außerhalb ihres Körpers wohnen, in diesem zeitlosen und luftleeren Raum. Hierhin konnte ihr keiner folgen. Hier war sie sicher und sie würde niemals mehr, niemals mehr einem anderen Menschen vertrauen. Sie würde in diesen Himmel flüchten, alleine, wenn sie ihr zu nahe kämen. Wenn sie mit anderen zusammen war, fühlte sie diese Einsamkeit besonders. Aber das war ja schon immer so gewesen, es waren ja nur diese Jahre gewesen, diese Jahre der Fülle….

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