Zur Weiterentwicklung von SKAN

von Regula Rickert 

In den letzten zehn Jahren hat sich diese effektive und grundlegende Form der Körperarbeit erweitert und ihr Instrumentarium verfeinert. Zwei Aspekte sind hier zunächst von besonderer Bedeutung.

Ergänzend zur panzerlösenden Arbeit an den Körpersegmenten in der absteigenden Energieverlaufsbahn vom Kopf zum Becken konnte die Arbeit mit den aufsteigenden, rückwärtigen Körperenergien gewürdigt werden, die sich im Aufsteigen vom Becken zum Kopf konzentrieren, den gesamten Organismus aufladen und vitalisieren. In taoistischen und tantrischen Lehren ist eine aufsteigende Kraft der „Kundalini“ schon seit Jahrtausenden bekannt. Die körpertherapeutische Arbeit an der Panzerung erweitert sich dadurch zu einer zirkulären, resourcenorientierten Arbeit mit der Lebensenergie. Stand anfänglich der gepanzerte Mensch im Fokus der Therapie, so ist es jetzt die gesamtorganismischen Kräftestruktur des Individuums.

Ein weitere wesentliche Weiterentwicklung von SKAN ist die Entwicklung des „Face-to-Face-Breathing“, einem therapeutischen Setting, in dem durch Atmung und Augenkontakt eine tiefe und nachhaltige Lösung der Panzerung in aufrechter Position möglich wird. 

Schon Alexander Lowen, ein Schüler Wilhelm Reichs, hat in seiner Bioenergetik körpertherapeutische Arbeit in aufrechter Position, sogenannte „Stresspositionen“, eingeführt. Diese wurden jedoch in der Vergangenheit häufig dazu missbraucht, den Muskelpanzer zu „brechen“, d.h. über die abgepanzerten Gefühle mit Gewalt zum Kern vorzustoßen. Hierbei kommt es wohl zu einer vorübergehenden seelischen Entlastung, die jedoch nicht tief genug greift und zur Arbeit an der Panzerung zurückführt.

Das die frühzeitige, forcierte Mobilisierung der Beckenenergie bei Missachtung des Augensegments (Stirnbandähnliche Muskelgruppe des somatosensorischen Kortex, der Gehirnregion, die taktile Informationen, Hitze, Kälte, Druck, Schmerz und die Position des eigenen Körpers empfängt, durch Augenbewegungen und äußeren Druck aktivierbar) zu einer zunehmenden seelischen Desorientierung und Abhängigkeit der Klienten führen kann, konnte in der Vergangenheit bei vielen neo-reichanischen Therapieansätzen beobachtet werden.

Meiner Meinung nach ist darüber hinaus das Konzept der Radiation in einem wesentlichen Punkt erweiterungsbedürftig. Ebenso, wie die abwärts durch die Segmente strömende Energiebahn ihre Entsprechung in den im Rücken aufsteigenden Körperenergien hat, findet der radiierenden Strom der Körperenergie vom Kern zur Peripherie des Organismus seine Entsprechung in der von der Peripherie auf den Körper, aus der Atmosphäre einstrahlenden Energiebahn. Wilhelm Reich nannte diese Energie kosmische Orgonenergie und entwickelte für ihre physische Konzentration den Orgonakkumulator, der das Energiepotential im physischen Leib anhebt, jedoch nur in der Therapie physisch gewordener „Biopathien“, z.B. in der Krebsnachsorge,  Verwendung findet.

In der seit Jahrhunderten bekannten Sufiübung des „Latihan“, von Michael Barnett auch „Bodyflow“ genannt, finden wir diesen Energiestrom ebenso, wie in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners zum Äther- und Astralleib. Die Bewegungsabfolgen von Tai Chi, christliche und buddhistische Körper- und Handhaltungen, indische Mudras und die Fingermodi der Kinesiologie gerinnen aus diesem energetischen Raum, der unerschöpflich und unglaublich vielfältig ist. Es handelt sich hier um eine Energiebewegung, die, wenn sie ins Bewusstsein genommen wird, zunächst auf die Leiboberfläche „drückt“, d.h. Bewegung erzeugt, die nicht von Innen nach Außen, sondern umgekehrt fließt und sich beim Eintritt in den Leib mit der vom Kern ausstrahlenden Energiebewegung überlagert. Dadurch wird wahrscheinlich der energetische Austausch zwischen der Welt und dem Einzelwesen erst möglich.

Diese energetische Einwärtsbewegung geht weit über die von dem amerikanischen Körperpsychotherapeuten Will Davis beschriebene „Instroke“- Bewegung hinaus, die im körpertherapeutischen Prozess als Gegenbewegung zum emotionalen Ausdruck eine tiefe Reintegration seelischer und bioenergetischer Strukturen ermöglicht und die energetische Ladung von der Körperperipherie zum Kern fließen lässt. Erst in den letzten Jahren hat Bert Hellinger in einer neuen Form der systemischen Familienaufstellung gezeigt, dass sich das energetische „Feld“ einer Person im Raum konkret sichtbar machen und mit Hilfe von Stellvertreterrollen zu einem vitalen, energetisch potenten Energiefeld erweitern lässt.

Wendet man dieses Gewahrsein auf die klassische Körperarbeit an, so zeigt sich deutlich, dass auch mit dem gesamten den Klienten umgebenden Raum gearbeitet werden kann. Dies ist vor allem hilfreich, wenn die muskuläre Panzerung nicht im Vordergrund der therapeutischen Arbeit stehen kann, wie anfangs bei stark schizoid geprägte Charakterstrukturen und Klienten, die vorgeburtlich oder in der frühen Kindheit schweren Schocks ausgesetzt waren und die deshalb auf der Matte „dissoziieren“, d.h. Teile ihrer Körperempfindung nicht nur in den Kern zurückziehen, sondern in das Umfeld ihres Leibes auslagen. Dies dürfte in der Regel bei sogenannten „Frühstörungen“ der Fall sein und steht häufig in Verbindung mit einer starken energetischen „Kontraktion“ an der Hirnbasis, die ja nicht aus Muskeln besteht, d.h. muskulär nicht kontrahieren kann. Arbeitet man in solchen Fällen, in denen meist ein starkes Empfinden von Angst ausgelagert wurde, einige Sitzungen mit der Einwärtsbewegung des Körperenergiefeldes, so kann die Empfindung der Angst im Körper gefühlt werden und danach auch an der Panzerung vor allem des Augensegmentes gearbeitet werden.

Ich gehe mittlerweile davon aus, dass jeder Mensch nicht nur (frühe) seelische Erlebnisse im Muskelsystem abpanzert, sondern auch in sein Umfeld auslagert, wo sie vorübergehend von Personen seines Umfeldes übernommen werden und ihm so in Form von immer ähnlichen Erlebnissen „gespiegelt“ werden. Von hier aus können auch nach einer längeren Zeit der Körperarbeit weitere ausgegrenzte Seelenanteile als Panzerung im Körper spürbar und damit Thema der körpertherapeutischen Arbeit werden. Diese Seelenanteile befassen sich auffällig oft mit dem vorgeburtlichen Seelenraum und thematisieren seelische Grundstimmungen des familiären Umfeldes in dieser Zeit, z.B. konkrete Bedrohungen des Embryos durch  Abtreibungsversuche, sowie die Rückbindung an den eigenen Ursprung, welche mit ozeanischen Gefühlen der All-Einheit und des Getragenwerdens einhergehen können. Auch tiefe meditative Zustände stellen sich in diesem Zusammenhang regelmäßig ein. Die Rückbindung an die Kraft des eigenen Lebensursprungs ist in vielen Fällen ein entscheidender Schritt in der Therapie, weil sie nicht nur die Kraft zur Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte zur Verfügung stellt, sondern auch die Gründung im eigenen Sein unabhängig von idealisierten Leitfiguren möglich macht.

Therapeuten, die sich den vorgeburtlichen Lebensraum erschlossen haben und ihn in der Therapie berücksichtigen können, verfallen weniger dem Mythos eigener Größenvorstellungen und  idealisieren ihre therapeutische Vorgehensweise weniger zu einer Weltanschauung, mit der sich ihrer Klienten in der therapeutischen Beziehung identifizieren müssen.

Die heutige Körperarbeit hat sich weitgehend von ihren psychoanalytischen Grundlagen emanzipiert. Dies liegt sicher auch an der Ablehnung, die ihr Gründer, der Arzt und Psychoanalytiker Wilhelm Reich mit seinen revolutionären Forschungen zu seiner Zeit aus der psychoanalytischen Gesellschaft erfuhr. Als junger Analytiker und Mitglied der psychoanalytischen Gesellschaft war er Schüler von Sigmund Freud in Wien. Auf der Basis der Psychoanalyse entwickelte Reich zunächst seine Charakteranalyse, eine Typologie neurotischer Charakterstrukturen und ihrer Ursprünge in der Kindheit. Seine Arbeiten zum „Muskelpanzer“ – chronische Muskelverspannungen als körperliche Verankerungen charakterologischer Anlagen - haben eine Fülle von therapeutischen Entwicklungen vor allem in den sechziger und siebziger Jahren nachhaltig beeinflusst: u.a. die Bioenergetik Alexander Lowens, die Gestalttherapie von Fritz Perls und die Primärtherapie von Arthur Janow.

In den letzten Jahrzehnten verbanden Körperpsychotherapeuten die Skan-Körperarbeit  immer mehr mit künstlerischen Ausdruckstechniken. Vor allem im gruppentherapeutischen Setting entwickelte sich die Körperarbeit durch die Verbindung mit theatertherapeutischen und bildnerisch-kunsttherapeutischen Elementen ständig weiter. Hinzu kamen außerdem wichtige Elemente der Traumatherapie nach Luise Reddemann, Peter A. Levine und Ulrich Sachsse.

Reichs umfangreiche psychotherapeutische Basisarbeit hat bis heute nicht die entsprechende wissenschaftliche Würdigung erfahren. Dennoch hat sie sich zu dem entwickelt, was uns in der Skan-Körperarbeit und ihrer Weiterentwicklung zur Körperorientierten Kunsttherapie heute als ausgereiftes energetisches Konzept  in der Praxis zur Verfügung steht.

 

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