Indikationen - Was ist SKAN ? 

von Regula Rickert

Die SKAN-Körperpsychotherapie hat ihre Wurzeln in der Vegeto- und Orgontherapie Wilhelm Reichs. In ihrer ursprünglich-klassischen Form wurde sie durch den Amerikaner Al Baumann (1918-1998) und durch den amerikanischen Psychologen Michael Smith (1937-1989) nach Deutschland gebracht. SKAN kann bei Angst- und Schmerzzuständen, bei psychosomatischen Erkrankungen (z.B. Migräne, Tinitus, Bluthochdruck, Magengeschwüren, Wirbelsäulen- und Rückenschmerzen) und Depressionen oft zu rascheren und nachhaltigeren Entlastungen führen als eine rein verbale Therapie. Die Therapie beginnt jeweils nach einer  schulmedizinischen Abklärung und Versorgung der Symptomatik.

Im Zentrum der körperpsychotherapeutischen Arbeit steht, wie in jede guten Psychotherapie, die Wiederbelebung der menschlichen Fähigkeit zu authentischer Begegnung und Beziehung. Die vielfältigen Manöver emotionaler, mentaler und physischer Beziehungsvermeidung, die sich in sozialen Stereotypen, eingefahrenen Reaktionsmustern und psychosomatischen Erkrankungen äußern, werden im Laufe der Therapie aufgedeckt und in der Regression bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgt. Auf der Basis einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, die ausreichend Sicherheit und Vertrauen bietet, kann eine tiefgehende Verarbeitung auch schwerer Traumata ermöglicht werden.

Beziehung ist in der Skan-Körperarbeit energetisch definiert. Sie umfasst die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation, welche es uns ermöglicht uns mit anderen Menschen und der lebendigen Natur energetisch verbinden zu können und ihnen authentisch vom eigenen lebendigen Kern her begegnen zu können. Am Anfang jeder therapeutischen Arbeit steht also die menschliche Beziehung, nicht die therapeutische Methode oder Technik (Orlinski 1994). Die zahlreichen, sehr effektiven Interventionsmöglichkeiten, die wir anwenden, werden erst im Rahmen einer solchen Beziehung wirksam.

Technisch gesehen verwenden wir zunächst weitgehend die Methoden der Vegetotherapie. Wir unterstützen unsere Klienten dabei, ihren Atem wieder als heilsame und vitalisierende Kraft zu erfahren, um zu einer  rhythmischen und dauerhaft vertieften Atmung zu kommen. Stimm-, Ausdrucks- und Bewegungsübungen, sowie verschiedene Berührungsinterventionen und die Arbeit mit dem Körperenergiefeld ergänzen dieses technische Repertoire, welches sehr umfassend und vielfältig ist. Letzteres wird nicht mechanisch eingesetzt, sondern aus der jeweiligen Situation immer neu erschaffen. In dieser Hinsicht bleibt die therapeutische Arbeit eine ständig sich weiterentwickelnde, aus ihrem lebendigen Potential schöpfende Kunst.

Im Prinzip folgen wir im therapeutischen Prozess der Reichschen Lehre von der fortschreitenden Entpanzerung der sieben Körpersegmente vom Kopf zum Becken. Die körperpsychotherapeutische Arbeit folgt hier in der Regel der neurophysiologischen Bewegungsentwicklung des Kindes: zephalo-kaudal (vom Kopf zum Fuß) und proximo-distal (von innen nach außen).

Im gesunden Zustand werden Leib und Seele als einheitliches pulsierendes Ganzes erlebt, welches sich durch die Intensivierung der Atmung und durch die Intensivierung von Gefühlen aufladen lässt und sich in einer charakteristischen pulsierenden, mit der Atmung einhergehenden Gesamtbewegung des Organismus ausdrückt. Diese wellenförmige spontane Körperbewegung nannte Reich den Orgasmusreflex, weil sie im Alltag meist nur beim Geschlechtsakt erlebt wird. In der Regel vermeiden wir nämlich instinktiv eine zu starke Aufladung unseres Organismus, weil sonst vergangene, im Muskel-Nervensystem gepanzerte, unbewusste Gefühle an die Bewusstseinsoberfläche gelangen. Oder wir verbrauchen die mobilisierte Energie bei unseren Alltagsaufgaben, sodass es erst gar nicht zu einer stärkeren Aufladung des Organismus und einer Intensivierung der Wahrnehmung kommt.

In der Körperpsychotherapie laden wir den Organismus bewusst mit Hilfe der Atmung auf, um die unbewusste seelische und körperliche Panzerung zu mobilisieren und erlebbar zu machen. Wenn die pulsatorische Bewegung an einer oder mehreren Stellen behindert oder unterbrochen ist, ist es für die KlientIn wichtig diese besondere physische und psychische Art der Blockierung vollständig zu spüren und als eigene fortdauernde Aktivität bewusst zu erleben, bevor sie in der therapeutischen Beziehung aufgelöst werden kann. 

Im Verlauf der segmentären Entpanzerung werden die auf der Vorderseite vom Kopf zum Becken abwärts fließende natürlichen Körperenergien und die im Rücken vom Becken aufsteigenden Körperenergieströme belebt und bewirken nach und nach eine Energetisierung des gesamten Körpers. Dabei wird im günstigsten Fall der Kopf frei von zwanghaften Gedanken, der Brustraum und das Herz öffnen sich wieder, das Zwerchfell wird aus seiner chronischen Hab-Acht-Stellung befreit, das Becken wird beweglicher und die sexuell-genitale Funktion wird wieder hergestellt. 

Aktuelle Probleme oder der Eintritt in neue Lebensphasen können auf dieser bioenergetischen Basis klarer wahrgenommen und verarbeitet werden. Es kommt zu einer bleibenden Verankerung des seelischen Erlebens im Körperbewusstsein, welches bei fast allen psychischen Erkrankungen verzerrt oder vermindert ist.

Die Entpanzerung des Leib-Seele-Organismus geschieht in der Regel zunächst in der Einzeltherapie. Erst in einer zweiten Phase der Therapie geht es um die Etablierung der Kontakt- und Ausdrucksfähigkeit im sozialen Kontext der Gruppe. Die Fähigkeit zur pulsierenden Ausdehnung der eigenen Energie vom Zentrum des Leibes zur Peripherie und über die eigenen Körpergrenzen hinaus, die so genannte Radiation, bestimmt die Art und Intensität des emotionalen und energetischen Austauschs von Menschen mit ihrer sie umgebenden Welt. (siehe hierzu auch J. Bauers neuere Arbeiten zu den Spiegelneuronen 2005) Erfülltes und befriedigendes Handeln im Alltag und der kreative Umgang mit den immer neuen Herausforderungen im beruflichen und privaten Lebenszusammenhang sind nur möglich, wenn die energetische Präsenz auch in sozialen Situationen aufrecht erhalten, ausgedehnt und beweglich gehalten werden kann.

Al Baumann entwickelte für diese therapeutische Arbeit das Streaming Theatre, eine Form der Körperpsychotherapie, die Reichanische Körperarbeit mit  therapeutischem Schauspieltraining verbindet. Al Baumann wurde dabei von großen Schauspiellehrern wie Michael Tschechow und Lee Strasberg inspiriert. Streaming Theatre ermöglicht die emotionale Ausdehnung  und den Ausdruck von tief im Körper verankerten Gefühlen im Raum und in der Beziehung der vorgegebenen Rollen. Vielfältige Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten können ohne schwerwiegende Folgen für das Alltagsleben ausprobiert werden. Im Zusammenspiel der Gruppe kann mechanisches, beziehungsloses Dasein von lebendiger schöpferischer Präsenz und Handlungsfähigkeit unterschieden und geübt werden.

Ähnlich schöpferisches "Probehandeln" kann in anderen künstlerischen Medien, z.B. in der bildnerisch-künstlerischen Arbeit mit Farbe oder Töpferton geübt werden. Das bildnerische Werk wird hier zum spiegelnden Gegenüber und ermöglicht in einem Zwischenschritt den Ausdruck unbewusster Handlungsimpulse und macht sie dem Bewusstsein zugänglich. Die im Bild gefundenen Ausdrucksimpulse können in der Theaterimprovisation verwandelt und im Gruppenprozess in Beziehung gebracht werden. Die Erfahrung zeigt, dass das Wechseln zwischen den künstlerischen Medien, vor allem zwischen der Körperarbeit in der Vertikalen, dem Bewegungs- und Stimmausdruck, und dem Bildausdruck zu intensiven therapeutischen Fortschritten und zu einer tiefen Verankerung der Lebenskräfte im Lebenskern führt.

Körperarbeit und Streaming Theatre ergänzen sich. Oft ist zunächst ein längerer Prozess der direkten panzerlösenden Arbeit am Körper und der  Ausdruck im bildnerischen Medium notwendig, bevor die vertikale Arbeit im Streaming Theatre in ihrer vollen Ausdehnung gewagt werden kann. Deshalb habe ich in den letzten Jahren die bildnerisch-künstlerische Arbeit mehr und mehr mit der Skan-Körperarbeit verbunden. Auch wenn keine oder wenig künstlerische Vorerfahrungen vorliegen, ermöglicht der aktive Umgang mit dem künstlerischen Medium eine Tiefe im seelischen Prozess, die sehr schnell zum emotionalen und energetischen Kern des Menschen vorzudringen vermag. Diese Arbeit, bei welcher der künstlerische Ausdruck eine enge Verbindung mit dem körpertherapeutischen Prozess eingeht, habe ich Körperorientierte Kunsttherapie genannt.

 

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