Die Bedeutung des Körpererlebens für die Kunsttherapie und Psychotherapie

Die psychodynamische Psychotherapie geht davon aus, dass sich zwischen Patient*in und Therapeut*in im "szenischen Verstehen" Gefühle (Affekte) entfalten, die vom Therapeuten mental aufgenommen und mit erweiternden Bedeutungen versehen werden. Sie vernachlässigt aber, wie alle Psychotherapien, die visuell erfassbare körpersprachliche Dimension der Kommunikation.

Immer wieder hat es in der Psychotherapie Ansätze gegeben körperpsychotherapeutische und kunsttherapeutische Methoden zu integrieren, was im Wesentlichen an den Machtstrukturen der Kassenärztlichen Vereinigung gescheitert ist. Selten beziehen sich deshalb die Praktiker der Psychotherapie und Kunsttherapie auch offiziell auf eine körperpsychotherapeutische Methodik. Immer noch wird der Körper entweder rein medizinisch oder als Schönheitsideal zum Objekt gemacht. Nur selten wird er als integraler Bestandteil der Identität betrachtet (Lichtenberg et. al. 2000), obwohl Gestik und Körperhaltung, Mimik und Verhalten, die äußere Erscheinung und das innere Körperbild (P. Joraschky, T. Loew, F. Röhricht 2009) in der psychotherapeutischen Diagnostik und in der therapeutischen Interaktion eine große Rolle spielen.
 

Therapie

Ähnlich wie die Kunsttherapie gehört die Körperpsychotherapie in der ambulanten Praxis nicht zu den von den KVs finanzierten "Richtlinienverfahren", sind also weder sozialrechtlich noch berufsrechtlich anerkannt (M. Thielen 2013, S. 445-452). Thielen hält die Anerkennung der Körperpsychotherapie im übergeordneten Rahmen der Humanistischen Psychotherapie als 4. Grundorientierung der Psychotherapie für sinnvoll. In diesem Bereich wären auch die Kunst(psycho)therapie und die Systemische Therapie, die mit Raumsymbolbildern arbeitet, einzuordnen, denn alle diese Methoden ergänzen die analytischen Psychotherapien um eine hermeneutisch-phänomenologische Perspektive.

Für die Psychotherapie und die Kunsttherapie liegt bisher keine übergeordnete Systematik für die Handhabung von Körper-, Achtsamkeits- und Ausdrucksübungen vor. Zahlreiche Veröffentlichungen zum "Embodiment" (A. Fogel 2013) und die Psychotraumaforschung (Trautmann-Voigt 2007), sowie die Ergebnisse der klinischen Säuglings- und Bindungsforschung (Sichere Bindungsmuster Bolby 1979 und 2008, Winnicott 1987, Stern 1992, Fonagy et. al. 2004), der Hirnforschung mit der Entdeckung der Spiegelneuronen (Rizalotti 2008) und der Neurobiologie des Fühlkörpers ( 3 Körpersysteme: Affektmotorik mobilisiert den unwillkürlichen Ausdruck von innerem Erleben, die zielgerichtete funktionale Willkürmotorik und die physiologische Reaktionsmuster als motorische Begleitphänomene Damasio 2003), sowie die Bedeutung von Achtsamkeit, Leiblichkeit, Rhythmus, Intensität und Gegenwärtigkeit in therapeutischen Beziehungen (Siegel 1986, Stern 2005) bilden theoretische Bezugspunkte.

Der Körper speichert frühe, intensive und wiederholte Erinnerungen in Form von chronischen Muskelanspannungen und Bewegungsformen. Siehe hierzu auch Forschungen zum "prozedualen Gedächtnis" (Markowitsch/ Welzer 2005), Kodierungen, welche die Körperzustände beim Strecken und Beugen der Gliedmaßen mit affektiv-motorischen Bedeutungen speichern:

Würden wir keine Erinnerungen an vorher erlebte Bewegungsmuster in uns tragen, wäre es uns kaum möglich das affektiv-motorische Profil eines anderen Menschen wahrzunehmen. Der Körper speichert Bewegungs- und Reaktionsmuster, die als Manifestationen verborgener seelischer Muster angesehen werden können. Ihre Reaktivierung bringt die ev. damit verbundenen fixierten Spannungszustände, frühe physisch-psychische Zustände, Traumatisierungen und verinnerliche Repräsentationen vergangener Beziehungen mit den zugehörigen Emotionen hervor.

Die humanistische Grundidee, die Selbstaktualisierungstendenz des Menschen in den Fokus der Therapie zu stellen, den Körper als Quell inneren Wissens und als Wahrnehmungsorgan für einen Beziehungs- und Ordnungssinn zu verstehen, zeigt sich in seiner bisher effektivsten Form in der systemischen Arbeit mit Stellvertreterpositionen für Körperzustände oder innere Anteile. (Baxa/ Essen/ Kreszmeier 2002, Mandelung 2002) In der Therapie geht es darum "mit einer Erlebnisqualität Kontakt aufzunehmen, die noch hinter den Worten, Bildern, Körperempfindungen und Emotionen liegt" (Siems 1986 S.13) Hier klingt eine Bewusstseinsebene an, die die anthroposophische Kunsttherapie in den Fokus ihrer Arbeit stellen möchte, dies aber ohne die Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Forschung im Bereich der Neurobiologie und Bindungsforschung nicht verifizieren kann. Hier wird der/die Klient*in angeregt ein Problem, eine Situation oder eine Person in den inneren Focus nehmen und die eigene "körperliche Resonanz" in sich zu erfahren. Eine Haltung der akzeptierenenden Wahrnehmung wird bei diesem Ansatz präferiert, nicht so sehr die "Arbeit" mit dem Körper im Sinne einer vertieften Atmung und unwillkürlichen Bewegungsimpulsen. Zu den zunächst vagen Körpergefühlen kann ein Bild, ein Wort oder ein Satz gefunden werden. Das sich daraus ergebende veränderte Körpererleben weist Lösungswege, die wiederum bildlich repräsentiert werden können. Die Selbstaktualisierung durch subjektives Erleben von Stimmigkeit in der Wahrnehmung der Patienten braucht den Körper als Wahrnehmungsorgan systemischer Beziehungsmuster, durch einen allen Menschen zugehörigem Ordnungssinn, auch "repräsentierende Wahrnehmung" (M. Varga von Kibed 2002 S. 46f) oder "wissendes Feld" genannt (Mahr 2003), ein Körper-im-Raum-Erleben, welches von Kibed noch um die rezeptive, interagierende und modulierende Feldwahrnehmung ergänzt wird. In der systemischen Familien- und Strukuraufstellung haben die Stellvertreter diese Körperwahrnehmungen, Gefühle und Gedanken, welche ein Beziehungsfeld im Raum abbilden.

Körperpsychotherapien und Kunsttherapien unterscheiden sich methodisch nach erlebniszentriert-stimmulierenden, übungszentriert-funktionalen, konflikzentriert-aufdeckenden und übertragungszentriert-erkundenden Vorgehensweisen. U.Geuter hat 10 Prinzipien einer körperpsychotherapeutischen Behandlungslehre aufgestellt, die aus meiner Sicht auch für eine kunsttherapeutische Systematik anwendbar sind: Wahrnehmen und Spüren, Ausdrücken und Aktivieren, Regulieren und Modulieren, Zentrieren und Erden, Halten und Berühren, Interagieren und Inszenieren, Verkörpern und Handeln, Reorganisieren und Transformieren. (Geuter 2010)

Diagnostik

Die Bedeutung des Körpererlebens für die Behandlung psychischer, psychosomatischer und körperlicher Störungen ist evident. Um im kassenärztlich zugelassenen Therapierahmen anerkannt zu werden, brauchen Kunst- und Körperpsychotherapien, Gestalt- und Systemtherapien einen operationalisierbaren diagnostischen Rahmen, der sich im aktuellen OPD-2 (Operationalisierte psychotherapeutische Diagnostik) zuordnen lässt. Die multiaxiale psychodynamische Diagnostik des OPD-2 umfasst 5 Achsen: Informationen zu Krankheitserleben, Behandlungsvoraussetzungen, Beziehungen, Konflikte und Struktur, sowie die Diagnose nach dem internationalen Diagnoseschlüssel ICD-10. Das Interview dauert etwa 70 Minuten.

Angeschlossen an die OPD-2-Achse "Beziehungen", die eine körpersprachliche Diagnostik immerhin ansatzweise zulässt, seit J. Küchenhoff 2006 diese OPD-Achse um Aspekte des aktuellen Körpererleben ergänzt hat. Es fehlten aber weiterhin die interaktiven Aspekten des nonverbalen Austauschs, die körpersprachliche Kommunikation auf der Beziehungsebene. Hinweise auf die Körpersprache bzw. körpersprachlicher Analysen von Thielen 2013, Geuten 2003 oder Marlock/ Weiss 2006 für die klinische Diagnostik fehlen ganz.

Störungen des Körper-Selbsterlebens dürfen aus verschiedenen Forschungsperspektiven (Bindungstheorie, Traumatheorie, Neurobiologie, Emotionsregulierung) als Grundstörung psychosomatischer und psychischer Krankheiten bezeichnet werden. Es ergibt sich daraus ein entwicklungspsychologisches vertikales Bild des Körperselbst, mit basalen nonverbalen sensomotorisch-affektiven Schemata und affektiv-kognitiven sprachlich erfassbaren Erlebnisformen, die in der Strukturachse des OPD systematisch operationalisiert sind.

Hilfreich sind auch die folgenden Fragebögen zum Körpererleben, die mit vorformulierten Sätzen zu verschiedenen Bereichen des Körpererlebens und der Körperakzeptanz Aufschluss über individuellen Bewertungen geben:


 

1. Hauptdimension: Wahrnehmung und Erleben

des eigenen Körpers

3. Hauptdimension:

Körperliche Kommunikation

1.1 Kognitive Reflexion der eigenen Körperlichkeit

3.1 Mitteilen eigener Affekte über Körpersignale

1.2 Körperselbst

3.2 Verstehen fremder Körpersignale

1.4 Toleranz für körperbezogene Affekte

3.3 Körperliche Unterstützung annehmen und geben können

1.5 Steuerung von Triebhaftigkeit und Handlungsfähigkeit

3.4 Eigene körperliche Bedürfnisse auftrecht erhalten unter Wahrung der körperlichen Interessen Anderer

1.6 Antizipation körperlicher Veränderungen

3.5 Verbindlichen körperlichen Kontakt aufnehmen können

1.7 Internalisierung guter Objekte für den Umgang mit dem eigenen Körper

 


 

2. Hauptdimension: Wahrnehmen und Erleben

der Bezugspersonen in ihrer Körperlichkeit

4. Hauptdimension: Inanspruchnahme des Körpers

zur psychischen Regulation

2.1 Differenzierung von Körperselbst und Objekt

4.1 Selbstwertregulation durch den Körper

2.2 Realistische Wahrnehmung des Objekts in seiner Körperlichkeit

4.2 Loslösung unter Verzicht auf destruktive körperliche Prozesse

2.3 Affekte und Triebwünsche in Bezug aud den Körper des Anderen


 

Das Körper-Selbst umfasst Kriterien für das Selbstbild, seine Ganzheitlichkeit und Lebendigkeit. Seine Kohärenz zeigt sich in einer autentischen Identitätsentwicklung. Gesunde Affekttoleranz und Affektregulierung entsteht in bestimmten Entwicklungsphasen durch angemessene Affektspiegelung mit den Anderen. Bei eingeschränkter Toleranzbreite können unerträgliche Affekte nicht verstanden werden.

Mit Küchenhoff fand ab 2003 die Diagnostik des Körpererleben erstmals Eingang in die OPD-Diagnostik. Das Körpererleben wird in der Forschung als subjektiv und deshalb schwer zu erforschend angesehen, es ist für viele Menschen nicht Objekt ihrer Beobachtung und schwer artikulierbar. Patienten mit Borderline-Störungen oder komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen kann auch mit langjährigen verbalen Therapien aber oft nicht geholfen werden. Ihnen hilft dagegen eher eine Kombination von Körperpsychotherapie und Kunsttherapie.

Für die diagnostische Einschätzung des Strukturniveaus (und der regressiven Zustände früher Erfahrungen) ist die Erfassung des Körperbildes aussagekräftig. (J. Küchenhoff 2003, S. 181) Frühe körperliche Interaktionen und die ihnen zugehörenden emotionalen Qualitäten generieren ein Körperbild (A. Damasio 1999). Extreme Wechselbäder zwischen Unter- und Überstimulation oder rigides Verhalten der Bezugspersonen schränken bei Kindern das Explorationsverhalten im sensorisch-motorischen Bereich ein und lassen kaum Freude an der eigenen Körperlichkeit entstehen. Die frühen, hochgradig vulnerablen Hirnstrukturen festigen sich zu einem Grundmuster, welches zur Grundlage psychischen Verhaltens wird. Die Representation of Interaction being Generalized, sogenannte RIGs, sind vorsprachlich und als emotionale Reaktionsmuster auf der Körperebene verankert. Sie bilden eine nonverbale, rhythmische Handlungsstruktur (G. Downing 2004), welche sich durch soziale Interaktionen zunächst vital-reaktiv-ganzheitlich, später formal-mental ausformt (D.N. Stern 1998). Sensorische Aktivierung von Zuständen bilden so einen ersten Mentalraum, der über stufenförmig strukturierte Integrationsprozesse Raum- und Zeitvorstellungen und Fantasie entstehen lassen. Interaktion ist für das Kleinkind zuerst präsymbolisch, affektbereit, körpersprachlich, später erst sprachlich und symbolisch zugeordnet. Das noch nicht sprachfähige Kind braucht ein Objekt, einen Bezugspunkt, der seine körperlich bedrohlichen Zustände einordnen und ihnen Struktur geben und sie dadurch beruhigen kann.

Die Beziehungsachse des OPD-2 konzentriert sich mit 32 Fragen auf die 4 Fragenkomplexe: Wie erlebt die/der Patient*in sich selbst? Wie erlebt die/ der Patient*in andere? Wie erleben andere den Patienten? Wie erleben sich andere im Kontakt mit der Patientin?
Die Auswertung beantwortet die Fragen: Ist das Verhalten mehr auf das Selbst oder auf Andere zentriert? Gibt es zu wenig oder zuviel Zuneigung? Besteht eher ein Kontrollbedürfnis oder ein Lassenkönnen?

Sabine Trautmann-Voigt schlägt nach mehrjährigen Forschungen eine Erweiterung der OPD-Achse "Beziehungen" durch die Berücksichtigung körpersprachlicher Analysen vor. Mit ihrer Body Movement Mind Analysis, die auch von der Tanztherapie beeinflusst ist, hat sie eine Diagnostik von Körperausdrucksprozessen entwickelt, die nicht nur für psychotherapeutische Diagnostik und Therapie, sondern auch für die bildnerische Kunsttherapie von Bedeutung sein könnte.

Wie aber können die interaktiven Aspekte der nonverbalen Körper- und Ausdruckssprache auf der Beziehungsebene diagnostisch operationalisiert werden, obwohl es keine objektive Kodierung von Körpergesten und -bewegungen geben kann? Eine theoretisch fundierte Integration der körpersprachlichen Kommunikation menschlicher Interaktionen finden wir in den Forschungen zu nonverbalen Kodierungen, zu Intersubjektivität und prozeduralem Gedächtnis (D.N. Stern 2005, 2011, H.J. Markowitsch/ H. Welzer 2005), sowie zum Embodiment (A. Fogel 2013).

Das Phänomen Körpersprache (wie das Phänomen Kunstausdruck) kann nur in mehrdimensionalen Handlungsanalysen in bestimmten Kontexten untersucht werden. Auch wenn es keine objektive Kodierung von Körperausdruck und Körperbewegungen (Mimik, Gestik, Haltung, Ganzkörperbewegung) geben kann, weil jeder Ausdruck vor allem als eigenständig und individuell zu sehen ist, so gibt es doch 4 Basisaussagen über Körperstruktur und körpersprachliche Kommunikation, wie Trautmann-Voigt (S. Trautmann-Voigt, B. Voigt, J. Kehr 2014) belegen kann:

  1. Die motorische Struktur: Rumpf und Extremitäten sind nicht aus einem festen Guss, sondern bestehen aus Gelenken, Einzelverbindungsteilen bzw Gliedmaßen. Dadurch ist der aufrechte Gang, Grob- und Feinmotorik möglich. Gelenke sind Orte der Verbindung und der Trennung. Es gibt "gliederdominierte" Menschen, die ihre Arme, Beine, Hände und Füße, Finger zur Kommunikation nutzen, und "torsodominante", die sich weniger differenziert und torsobetont zeigen.

  1. Der Körper in seiner Ausrichtung im umgebenden Raum: Unsere Gelenke ermöglichen uns eine unglaubliche Vielfalt räumlicher Differenzierung. Jedes Gelenk wird zur Schaltstelle für die Ausdehnung oder Einschränkung unserer Kinesphäre (Bewegungsraums), mit der der Körper das Verhältnis der Glieder zueinander und zum Umfeld, seine Nähe und Distanz reguliert. Zwischen Streckung, Beugung und Rotation sind unzählige Abstufungen möglich, die unser Verhältnis zu Gegenständen, Pflanzen, Tieren und Menschen gestalten. Unser Raumverhalten (durch Strecken, Beugen und Drehen) gibt Aufschluss über unsere Nähe-Distanz-Regulation und unsere zwischenmenschlichen Kontaktthemen. Mit der Körpersprache können wir symbolisch Personen zu uns heranziehen oder wegschieben, wir können uns gebend oder nehmend, öffnend oder abgrenzend ausdrücken, jemanden loslassen oder umarmen. Sogar uns selbst können wir mit unseren Armen umfangen, um uns zusätzlichen Halt und Trost zu spenden.

  1. Motorischer Bewegungsfluss , Kraftpotential und Zeitverlauf: Vom Gehirn kommende motorische Imulse hemmen oder verstärken den sensorischen Datentransport nach innen und außen. Jedes Gelenk kann diesen Strom stoppen und damit Impulskontrolle ermöglichen. Muskelstrukturen, die auf Grund von Traumatisierungen oder emotionalen Blockaden chronisch kontrahiert sind, schränken den Bewegungsfluss ein. Die Muskelspannung, die in den ersten 8 Lebensmonaten einen Grundtonus festlegt, kann zu überkompensierten oder dekompensierten Körperhaltungen und Bewegungsmustern führen, die ein höheres oder niedrigeres Intensitätsniveau, sowie eine höhere oder niedrigere Kraftmobilisierung in einem Bewegungsverlauf aufweisen. Hamonisch-fließende oder chronisch gehemmte, mit abrupten Abbrüchen begleitete Bewegungsverläufe beeinflussen die Beziehungsgestaltung mit anderen Menschen und damit die Beziehungsentwicklung über einen längeren Zeitraum.

  2. Muskelkraft versus Schwerkraft – motivationale Achse: Jede Bewegung ist, so schrieb Feldenkrais schon 1949, letztlich eine Antigravitationsaktion. Die Schwerkraft zieht jeden Körper auf dieser Erde zu ihrem Mittelpunkt hin. Die Bewegung, die der Schwerkraft nachgibt, zieht uns unweigerlich nach unten. Die Bewegung, die sich der Schwerkraft entgegensetzt, setzt das Mobilisieren von Kräften voraus (z.B. Beim Aufrichten, Gehen, Tanzen). Zur Mobilisierung von Kräften benötigen wir Motivation. Insofern ist Bewegung immer von Affekten abhängig. Der von Freude erfüllte Mensch zeigt sich mit Bewegungen, die sich der Schwerkraft entgegensetzen, der deprimierte Mensch lässt sich eher nach unten sinken! Zur Analyse der Körpersprache kann deshalb auch das affekt-motorische Verhalten im Umgang mit der Schwerkraft dienen, auch inwieweit Körperbereiche absichtsvoll der Schwerkraft entgegengesetzt werden können. Die Mobilisierung von Kraft hängt auch von der körperlichen Fitness und der Gesamtverfassung ab.

Alle 4 körpersprachliche Ebenen können gut operationalisiert werden: 1.Torsodominanz versus Gliederdominanz, 2. Nähe-Distanz-Regulation beim Beugen, Strecken und Drehen, 3. durch Muskeln beeinflusste Impulskontrolle und Dosierung von Bewegungsintensität, sowie 4. der Einsatz von mehr oder weniger Muskelkraft gegen die Schwerkraft. Wie in der Tanztherapie lassen sich auch die Ausdrucksbewegungen beim bildnerischen Kunstschaffen auf diese Weise körpersprachlich beobachten und diagnostisch operationalisieren.

Darüber hinaus ist es möglich Patienten dazu anzuregen zu ihren in der Kunsttherapie geschaffenen Bildern und Objekten Ausdrucksbewegungen zu finden, die sowohl diagnostisch operationalisiert als auch im "szenischen Verstehen" für eine Vertiefung der therapeutischen Arbeit genutzt werden können.

Regula Rickert                   im Dezember 2014

 

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Bolby, J. Sichere Bindungsmuster 1979

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Geuter, U. Körperpsychotherapie 50 Jahre nach Gindler und Reich in Zeitschrift für Motopädagogik und Mototherapie 2010

Geuten, U. Körperpsychotherapie 2015

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